ZDF: Strahlender Sumpf (Transskript)

Dies ist ein Transskript der ZDF-Dokumentation »Strahlender Sumpf«, die derzeit noch in der ZDF-Mediathek verfügbar ist. Dieses Transskript soll allerdings die Informationen der Dokumentation, über die Zeit der Verfügbarkeit in der Mediathek, verfügbar machen.


Der Schlund des verstrahlten Berges erwartet uns. Deutschlands größtes Atommüll-Problem ist hier im östlichen Niedersachsen verborgen. Hunderte von Metern unter der Erde, in der Tiefe des Schachts Asse. Seine Geschichte ist eine Chronik des Versagens, auf fast allen Ebenen.

Strahlender Sumpf

Atomlager Asse außer Kontrolle?

Ein Film von Oliver Deuker und Malin Ihlau

Wir wollen wissen was hier vor sich geht, in diesem alten Salzstock, der immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Warm ist es hier. Rund 30 Grad. Die Luft ist extrem trocken, salziger Geschmack liegt auf unseren Lippen. Und ein Gefühl der Beklemmung. Dieser Mann soll es richten: Wolfram König, Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz. Seit Anfang des Jahres ist er verantwortlich.

Ist der Atommüll hier noch sicher? Keiner weiß es, denn die Asse ist vom Einsturz bedroht. Wir fahren durch den Schacht, der einst als ein Versuchsendlager für Atommüll geplant war. 1965 kaufte der Bund die Anlage. Salz schien das perfekte Material um den strahlenden Abfall abzuschirmen, um ihn so möglichst für immer im Berg einzuschließen. Ein schöner Plan, wenn da das Wasser nicht wäre. Heute droht die Asse abzusaufen. Dabei muss ein Endlager für Atommüll absolut trocken sein. Denn die Verbindung von Wasser und strahlenden Abfällen ist fatal. So könnte die Radioaktivität in die Umwelt gelangen, mit unabsehbaren Folgen. Und trocken war die Asse nie. König muss die Fehler ausbügeln, die andere vor ihm gemacht haben.

Wolfram König – Bundesamt für Strahlenschutz: Es gibt inzwischen eindeutige Hinweise, aber auch Aussagen, natürlich von ehemaligen Beschäftigten, die darauf hinweisen, dass von Anfang an die Feuchtigkeit ein Problem war, was hier existierte. Und daher gab es auch von Anfang an die Diskussion über die Frage: Ist dieses Bergwerk überhaupt geeignet als Endlager für radioaktive Abfälle herzuhalten. Diese Stimmen wurden nicht gehört.

Die beauftragten Geologen hielten das alles für unbedenklich. Die zuständigen Behörden erteilten die Genehmigung.

Das wollen wir genauer herausfinden und treffen Jörgen Kumlehn. Er hat alles über die Asse gesammelt, archiviert, was ihm in die Finger kam. 1981 saß Kumlehn für die Grüne Bürgerliste im Kreistag Wolfenbüttel.

Jürgen Kumlehn – ehem. Kreistagsabgeordneter Wolfenbüttel: Es wurden den Wissenschaftlern an der Asse, wurde eher geglaubt als Kritikern. Und wir haben damals, als ich im Kreistag war, den Antrag gestellt einen hierigen zu veranstalten mit kritischen Wissenschaftlern. Und da ist der wissenschaftliche Leiter, Herr Kühn, nach vorne gegangen zum Podium und hat sich gegen diesen Begriff kritischen Wissenschaftler ganz stark gewehrt und hat behauptet er sei auch ein kritischer Wissenschaftler. Wie man heute weiß, ist er offenbar kein kritischer Wissenschaftler gewesen.

Klaus Kühn, der erste wissenschaftliche Leiter. Eine Schlüsselfigur in der Geschichte der Asse. Wie unserer Recherchen ergaben, hielt er einen Wassereinbruch stets für so gut wie ausgeschlossen. Ein gravierender Fehler! Bis 1995 war Kühn verantwortlich. Heute lehnt er jegliche Stellungnahme ab. Wenig bis keine Information, das zieht sich wie ein roter Faden durch die Asse. Wir prüfen alte Filmdokumente und finden Belege, wie fundiert manche Wissenschaftler schon damals vor den Gefahren eines Wassereinbruchs warnten.

[Filmdokument: Interview von Hans-Helge Jürgens]

Reporter: Ein Ergebnis Ihrer Studie ist, Herr Jürgens, ist die Befürchtung, die Grube könnte in Folge bedrohter beziehungsweise mangelnder Standsicherheit absaufen, wie es heißt. Mit welchen Argumenten stützen Sie dieses Ergebnis?

Hans-Helge Jürgens – Wasserbauingenier Hans-Helge Jürgens: Wenn sich die Kammerhohlräume in diesem Gebiet zu sehr verformen, würden Wasser hereinbrechen und das Wasser würde mit dem Atommüll, der auf den unteren Sohlen gelagert ist, in Berührung kommen. Und durch Auslaugung und Fließvorgänge der Grundwasserhorizont gefährdet würde.

Jürgens sollte Recht behalten: In der Asse strömt seit über 20 Jahren sogenanntes Zutrittswasser ein. Noch hat es den Atommüll nicht erreicht. Denn in Behältern wird das Wasser aufgefangen, bevor es in die Tiefe gelangen kann. Täglich 12.000 Liter. Doch Jürgens, der Mahner von einst, wundert sich:

Hans-Helge Jürgens – Wasserbauingenieur: Ich finde es auch tragisch, dass man die Stirn gehabt hat darauf überhaupt nicht zu reagieren. Aber man hat eben den Auftrag gehabt den Atommüll einzulagern.

Sylvia Ketting-Uhl – Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: Es ist von Anfang an alles schief gelaufen, was die Asse betraf. Die Auswahl dieses Standortes war völlig falsch. Es war klar, die Asse irgendwann vollläuft. Der Schacht eins daneben, der Schacht drei auf der anderen Seite, waren bereits, wie es bergmännisch heißt, abgesoffen. Also davon auszugehen, dass hier über hunderte oder tausende oder noch mehr Jahre dieser Schacht trocken bleibt war völlig absurd.

Die Gefahren eines Wassereinbruches hätten also allen Beteiligten klar sein können. Ein ehemaliger Mitarbeiter bestätigt das:

Hans-Peter Behnke – ehem. Mitarbeiter Asse: Die Wassereinbrüche … wie sind die immer 'rumgelaufen. Hieß es immer Pssst … und ja … hier noch ein Fässchen hinstellen und so, weißt ja, ne?! Und hier hat's getropft und dort hat's getropft. Aber nichts sagen. Man ist ja schon stutzig geworden, dass mittlerweile überall Fässer standen. Und da die Lauge dahin kommt.

Und so passiert nun seit Jahren schon, was passieren musste: Durch Risse dringt immer mehr Zutrittswasser in die Salzschichten. Das Bergwerk wird weiter zerstört. Auf den Salzstock wirken Erdbewegungen im umliegenden Gestein. Das wusste man schon damals. In der Folge können Seiten- und Deckengewölbe einstürzen. Betroffen wären auch die Kammern, in denen radioaktives Material lagert. Und es war mehrfach kurz davor! Der Berg gab nach. Erschütterte auch die tief gelegenen Gewölbe.

Die Krananlage über der Kammer 8A. Hier hat alles begonnen. Durch diese Stahlschleuse versenkte man einst mittel-radioaktive Abfälle. Mehr als 1.300 Fässer. Hinzu kommt schwach-radioaktives Material. Insgesamt lagern mehr als 126.000 Fässer in der Asse. Eine schier unvorstellbare Menge. Wie gefährlich dieser strahlende Müllhaufen wirklich ist, weiß niemand.

Wolfram König – Bundesamt für Strahlenschutz: Eins ist klar: In der Zeit der Einlagerung, in den '60er, '70er Jahren, war natürlich die Dokumentation der Abfälle nicht so vollständig, wie es heute eigentlich selbstverständlich sein sollte. Das heißt wir haben hier nur sehr kursorisch, oberflächlichige Eingangskontrollen gehabt und die Dokumentationen müssen nicht unbedingt einhergehen mit dem, was wirklich dann in den Fässern damals verbracht worden ist.

Das Atommülllager Asse liegt in Norddeutschland, im Osten Niedersachsens, zwischen dem Harz und Braunschweig. Die Asse ist ein bewaldeter, kleiner Höhenzug.

Das gelbe »A« wird zum Symbol des Protestes: »A«, das Zeichen für Widerstand. »A« wie »Aufpassen« [aufpASSEn]. »A« wie »Asse«.

Schon von Beginn an, gab es rund um die Asse Demonstrationen der Anwohner. Die verstärkten sich noch, als im Sommer 2008 herauskam, dass sich im Salzstock geringe mengen kontaminierter Lauge befinden.

Zwei Kilometer entfernt von der Anlage liegt das Dorf Groß Pfahlberg. In der Asse-Straße lebt Manfred Kramer, vor neun Jahren kaufte er hier sein Haus.

Manfred Kramer – Bürgeinitiative »Aufpassen«: Es ist natürlich ganz eindeutig, dass hier irgendwann die Region tot ist. Dass man hier nicht mehr leben kann. Das muss nicht heute und nicht morgen passieren, das kann auch erst in 50 oder 60 Jahren passieren, das ist uns schon klar. Aber dass man dann eben, alles, das was man sich hier aufgebaut hat, weg ist. Dass es nutzlos wird, weil natürlich kein Mensch dann hierher kommt und sagt: Ich möchte gerne dein Grundstück kaufen und möchte in die Gemeinde Pfahlberg ziehen, an die Nordseite der Asse.

Sein Grundstück wollte er eigentlich verkaufen, doch jetzt wird er es nicht mehr los. Wie ihm geht es vielen anderen die rund um die Asse wohnen.

Manfred Kramer – Bürgerinitiative »Aufpassen«: In mir stiegt die Wut auf. Und da werde ich nicht alleine sein. Aber wenn wir merken, dass wir dort weiterhin – ich sag das jetzt mit deutschen Worten – verarscht werden, dann wird diese Region sicherlich aufstehen!

Wütend und misstrauisch sind die Menschen, die im Dunstkreis der Asse leben. Sie fühlen sich betrogen, denn geeignet als Atommülllager war das marode Bergwerk von Anfang an offenbar nicht. Eine Gefahr für die Bevölkerung der idyllischen Umgebung gebe es zurzeit nicht, versichert das Bundesamt für Strahlenschutz. Das gelte auch für die Belegschaft.
Noch im Januar, also gleich nach dem Betreiber-Wechsel, verbesserte das Bundesamt die Sicherheitsstandards. Das scheint auch dringend nötig. Mehrere ehemalige Mitarbeiter sind an Krebs erkrankt. Wir treffen Eckbert Duranowitsch. Drei Jahre lang arbeitete der Geo-Techniker im Salzstock. Dort installierte er Messinstrumente vor, aber auch in den Kammern, in denen der Atommüll eingelagert wurde.

Eckbert Duranowitsch – ehem. Mitarbeiter Asse: Als man dort gearbeitet hat, wurde einem ja mitgeteilt wie sicher das ist. Und man hat das wirklich auch geglaubt und dementsprechend hat man sich dann auch bewegt: völlig frei und sich auch wirklich sicher gefühlt. Es war warm unter Tage, es war eine sehr angenehme Arbeit. Hier diesen Mann, wenn man den jetzt hier sieht, und das ist doch eigentlich fahrlässig [Anm. Ein Ausschnitt aus einem Filmdokument zeigt, einen Mann im kurzärmeligen Hemd, der Fässer bei der Einlagerung mittels Kranausleger mit den Händen führt.] und hier sehen wir kaputte Fässer, die schon beim abkippen kaputt gehen. Das ist doch unglaublich, was da für Gefahren eigentlich schon ausgetreten sein können.

Fast zehn Jahre später wird bei Duranowitsch Leukämie diagnostiziert. Der 46-jährige führt das auf seine Zeit in der Schachtanlage zurück. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt.

Eckbert Duranowitsch – ehem. Mitarbeiter Asse: Ja, ich habe damals in der Medizinischen Hochschule von meiner Krankheit erfahren beziehungsweise dort wurde die Diagnose letztendlich gestellt. Und die erste Frage, die mir die Ärzte damals stellten, war: Hatten Sie mit Radioaktivität zu tun? Und da kam die Ernüchterung.

Professor Arnold Ganser, der Arzt von Duranowitsch. Auch er sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen der Strahlung, in der Asse und der Leukämie seines Patienten.

Prof. Dr. Arnold Ganser – Medizinische Hochschule Hannover: Was sicherlich typisch ist hier, bei Herrn Duranowitsch, im Verlauf ist, dass halt diese sogenannte Latzenzeit, die Zeit zwischen dieser Ausgesetzt sein gegenüber der Bestrahlung und dem Auftreten der Leukämie 10 Jahre ist, das ist eine klassische Zeitspanne. Das lässt dann schon Rückschlüsse zu.

Auch Hans-Peter Behnke, ein früherer Arbeitskollege von Duranowitsch, hat Krebs. Rachenkrebs. Über das Gesundheitsrisiko unter Tage habe sein Arbeitgeber ihn nicht informiert, ganz im Gegenteil:

Hans-Peter Behnke – ehem. Mitarbeiter Asse: Damals wurde gesagt, dass dort unten überhaupt nichts ist. Und der Gruppenleiter hat immer gesagt: Also die Strahlung, Leute, die hier oben oder auf dem Brocken, die ist weit aus gefährlicher als die, die wir dort unten haben.

So wurde es uns auch erzählt, als wir 2006 bei einer Pressefahrt in der Schachtanlage recherchierten. Der Leiter des Bergwerks Asse wies drauf hin, dass die Radioaktivität quasi bei Null liege. Keine Gefahr also, für die Mitarbeiter. Schließlich habe es Kontrollmessungen an verschiedenen Punkten gegeben und zur Sicherheit hätten alle Strahlenmessgeräte getragen.

Günther Kappei – Betriebsleiter Asse: Wir haben hier ein untertägiges und übertägiges Überwachungsprogramm. Es werden Boden- und Luft-Proben gezogen und auch das Personal wird regelmäßig überwacht. Und Sie sehen hier: Ich trage auch eine Filmplakette, die wird monatlich ausgewertet.

Früher sei das anders gewesen, sagt der ehemalige Mitarbeiter Hans-Peter Behnke:

Hans-Peter Behnke – ehem. Mitarbeiter Asse: Ich habe nie eine getragen. Nie. Dosimeter kenne ich nur vom sehen, von den Steigern. Aber auch diese kleinen Plaketten haben wir nie getragen. Ich jedenfalls nicht. Und das beschwöre ich!

Gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen der möglichen Strahlung in der Asse und den Krebsfällen? Noch fehlt der endgültige Beweis. Das Helmholtz-Zentrum, der ehemalige Betreiber, weißt alle Vorwürfe von sich. Das Bundesamt für Strahlenschutz, die jetzt zuständige Behörde, dagegen nimmt sich der Sache an.

Wolfram König – Bundesamt für Strahlenschtz: Wir haben als Betreiber und als Bundesamt für Strahlenschutz uns vorgenommen durch einen Gesundheitsmonitor allen Hinweisen nachzugehen, die darauf Antworten geben können, ob es ein Ursachen-Wirkung-Zusammenhang zwischen der Beschäftigung, der Strahlen-Exposition und möglichen Erkrankungen gibt.

Was schlummert noch in der Asse? Die alten Inventarlisten wurden eingehend geprüft. Jetzt kommt nach und nach immer mehr ans Licht: Eine erhebliche Menge an Plutonium gehört zu den Abfällen. Verstrahlte Tierkadaver. 500 kg Arsen. Hochgiftige Pflanzen-Pestizide. Alles Müll, der in einem Atomlager eigentlich nichts zu suchen hat. Noch gibt es viele Rätsel.

Stefan Wenzel – Fraktionsvorsitzender B'90/Die Grünen Niedersachsen: Die Inventarliste der Asse, die bietet Anhaltspunkte, aber ich glaube man kann nicht darauf vertrauen, dass hier tatsächlich die Wahrheit über das, was in der Asse, tatsächlich drin ist, wieder gegeben ist. Die Inventarliste dokumentiert in weiten Teilen ein Versagen der Aufsicht, der Atomaufsicht, der Bergaufsicht, ein verantwortungsloses Verhalten des ehemaligen Betreibers, des Helmholz-Zentrums in München.

Greenpeace in Hamburg. Wir besuchen den Kernphysiker Heinz Smital. Er hat die Messungen der alten Betreiber analysiert. Mit einem erstaunlichen Ergebnis: Smital rechnet vor, in der Asse muss mehr Radioaktivität vorhanden sein, als in der Inventarliste aufgeführt wurde. Fest macht er das an einem radioaktivem Wasserstoff namens Tritium. Dessen Wert ist nach Smitals Berechnungen wesentlich höher als in der Liste angegeben. Ein weiterer Beleg dafür, dass einige Angaben der ehemaligen Betreiber falsch sind? Und wenn das beim Tritium so ist, warum sollte das nicht auch bei anderen radioaktiven Substanzen der Fall sein? Fragt sich nicht nur Smital.

Heinz Smital – Atomexperte Greenpeace: Es ist sehr beunruhigend, dass der prinzipiell ausführliche Bericht über die nuklid-spezifische Zusammensetzung in der Schachtanlage Asse vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, der GSF, um den Faktor 16 falsch liegt. Es ist 16 mal mehr Tritium drinnen als die 'rausgerechnet haben und jetzt ist anzunehmen, dass bei anderen Nukleiden auch die Inventar-Lage völlig unterschätzt worden ist.

Tritium ist Krebs erregend, erklärt uns Smital. In hohen Dosen kann es die menschlichen Organe schädigen und genetische Probleme verursachen. Für mehrere Generationen.

Meldungen, wie die über das Tritium, verunsichern die Bevölkerung rund um die Asse weiter. Ganz unterschiedlich die Form des Protestes. Mit viel Einfallsreichtum machen die Menschen der Region auf das Problem des Atommülllagers aufmerksam. Bei Claudia Seifert in Groß Pfahlberg bekommt der Widerstand ein Gesicht. Auf Wochenmärkten werden die Symbole des Protestes verkauft.

Claudia Seifert – Bürgerinitiative »Aufpassen«: Ich kann nur selber so sagen, in der Erfahrung, die ich die 16 Jahr jetzt hier direkt im Dorf lebe, das sehr viele alte Menschen an Knochenkrebs, an Magenkrebs, an Blasenkrebs, an Leukämie gestorben sind. Wenn dessen für mich der verdacht schon da ist, dass da vielleicht ein Zusammenhang der Region auch da ist.

Davon wusste Tischlermeisterin Irmela Wrede nichts, als sie sich vor 14 Jahren diesen alten Bauernhof kaufte. Überregional war die Asse damals kaum Thema, wenn überhaupt kamen nur wenige Informationen an die Oberfläche. Und so erfuhr die Mutter von zwei Kindern erst als sie hier wohnte, dass ganz in der nähe Deutschlands größtes Umweltproblem vergraben liegt.

Irmela Wrede – Anwohnerin: Das normale Leben muss irgendwie weiter gehen. Und man kann sich nicht den ganzen Tag über die Asse unterhalten und sich runter ziehen lassen, dann ist man nur frustriert und verkriecht sich und heult den ganzen Tag. Es ist bedrohlich, wie wir uns hier fühlen. Wir fühlen uns bedroht. Wir fühlen uns natürlich auch veräppelt. Wir fühlen uns nicht genügend informiert, seit Jahren nicht. Und mit jedem neuen Skandal der raus kommt, mit jeder neuen Einlagerung, die jetzt plötzlich gefunden wird oder jetzt wird ein Lieferschein gefunden, jetzt war mit Tierkadaver, Arsen und Spritzmittel und so weiter. Da denkt ich: Was kommt denn nun noch alles?

Mit ihrem alten Hof hat sich Irmela Wrede ihren Traum erfüllt. Hofft, dass er nicht zu einem Alptraum wird. Wegziehen ist für sie und ihre Familie keine Alternative. Bleiben und kämpfen will sie. Schließlich hat sie sich in dem kleinen Dörfchen Mönche Pfahlberg eine Existenz aufgebaut.

Irmela Wrede – Anwohnerin: Ich will hier wohnen bleiben. Ich will das meine Kinder hier wohnen können. Ich will meinen Hof hier erhalten. Ich mache den schön. Ich restauriere den. Weil ich hier an das gute Ende glaube und weil ich glaube, dass wir hier auch eine Zukunft haben.

Die '60er Jahre. Es herrscht Euphorie, als die Atomindustrie saubere, aber vor allem billige Energie verspricht. Und dann kommt die Frage der Entsorgung des strahlenden Mülls auf. 1965 kauft der Bund die Asse, als Prototyp eines Endlagers.

Sylvia Kotting-Uhl – Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: Der glaube an den Glanz der Atomkraft war noch relativ ungebrochen. Vor allem in den damit befassten Industriezweigen und eben auch in der damals regierenden Politik. Und insofern ging man auf eine Weise so damit um, man hat nur die Chancen gesehen, die tolle Energie, die da geliefert wird.

Aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe stammt der größte Teil des Atommülls in der Asse. In Karlsruhe wurden Raktor-Typen gebaut und getestet. Außerdem stand dort eine Anlage zur Wiederaufarbeitung von Atommüll, betrieben von der Industrie. Es war Pionierarbeit, bezahlt vom Forschungsministerium.

Wolfgang Hohlefelder – Deutsches Atomforum: Die Wiederaufarbeitung hatte absolute Priorität für die Bundesregierung. Die Forschung wurde vorangetrieben und deswegen hat damals die Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe die Brennelemente bei den Betreibern abgeholt. Und die Verträge sehen vor, dass mit dieser Abholung alle rechten und pflichten, und damit auch die daraus entstehenden Kosten, auf den Bund übergehen.

Lutz Mez – Atomexperte FU Berlin: Insbesondere der leicht- und mittel-aktive Müll waren relativ große Mengen. Und so unbegrenzten Platz hatte man in Karlsruhe auch nicht. Das heißt man hätte da Lagerungshallen bauen müssen und ähnliches, und das wollte man vermeiden. Und so wurde eben ein Forschungsprojekt aufgelegt: Wie kann man das, diesen Müll, entsorgen? Und diese Entsorgung war dann in dem Versuchslager Asse.

Ab 1978 durfte in der Asse kein radioaktiver Müll mehr eingelagert werden, wie die Akten belegen. Kurz vor Toresschluss lieferte die Atomindustrie noch einmal große Mengen: 50.000 wurden mal eben so entsorgt. Das Versuchsendlager Asse als Atommüllkippe.

Forschungsergebnisse gab es aber auch: Man testete verschiedene Methoden, wie wir herausfanden: waagerecht oder aufrecht stapeln oder einfach nur, wie hier, mit dem Radlader abkippen. Das dabei viele Fässer beschädigt wurden, nahm man in kauf. Denn das 'rausholen war gar nicht geplant, wie filmische Dokumente belegen:

Egon Albrecht – ehem. Betriebsleiter Asse: Natürlich ist das was wir auf der Asse, und das verheimlichen wir nicht, die Fässer die wir eingelagert haben sind endgelagert! Da gibt es kein weg dran vorbei!

War es am Ende einfach nur billige, vielleicht sogar illegale Entsorgung?

Wolfram König – Bundesamt für Strahlenschutz: Das sind immerhin 126.000 Fässer und Gebinde die hier eingelagert wurden. Das sind rund 50.000 m³ Abfälle. Das heißt man hat sich schon weitgehend entsorgt. Mit dem Ziel auch der Entsorgung. Und ich glaube, die Einlagerung selber war nicht Gegenstand eines Forschungsprojektes, sondern da ging es wirklich um das Ziel diese Abfälle loszuwerden, aus den Zwischenlagern, die teilweise am überquellen waren.

Welchen Einfluss viele Energieversorger hatten, belegen etliche Briefe an die Asse-Betreiber, die dem ZDF vorliegen. Darin heißt es: Die Einlagerungsbedingungen in der Asse sind mit wirtschaftlich vertretbaren mitteln nicht möglich.

Die Einlagerungsbedingungen sind … mit wirtschaftlich vertretbaren Mitteln nicht möglich …

Und weiter: Wir sind deshalb der Meinung, dass die Einlagerungsbedingungen unter Berücksichtigung der Interessen von Kernkraftwerksbetreiebrn überarbeitet werden sollten.

Wir sind deshalb der Meinung, dass die Einlagerungsbedingungen … unter Berücksichtigung der Interessen von Kernkraftwerksbetreibern überarbeitet werden sollten.

Heinz Smital – Atomexperte Greenpeace: Sie haben gefordert, dass die fünf fache Menge an Radioaktivität zulässig sein soll und dass Abschirmungen, Betonabschirmungen, reduziert werden können, weil sie, so zu sagen, für die Betreiber Volumen wegnehmen. Um, so zu sagen, noch mehr Atommüll und noch billiger einlagern zu können.

Und genau so passierte es. Auf Kosten der Sicherheit?

Wie soll es jetzt weitergehen mit dem Müll in der Asse? Dorftreffen im Gemeinschaftshaus Remlingen. Viele sind wütend auf die damaligen Experten und die handelnden Behörden. Jahre lang habe ihnen niemand zugehört.

Ute Meyer – Bürgerinitiative »Aufpassen«: Es muss jetzt auch bald mal was passieren und nicht mal hier ein Ausschuss gebildet werden und da kommen wieder neue Experten dazu und Politiker, die von tuten und blasen überhaupt keine Ahnung haben und die sich auch Jahre lang überhaupt eigentlich nicht gekümmert haben. Ich denke mal, wenn man so etwas brisantes hat, wie die Asse, und es ist ja eigentlich auch einzigartig in Deutschland, da hätte man doch mal nachfragen müssen! Was ist da eigentlich los?! Und was passiert da eigentlich?! Nichts! Gar nichts! Jetzt mit einmal stehen sie da, fassungslos, was da zu Tage kommt. Das gibt es doch eigentlich gar nicht!

Manfred Kramer – Bürgerinitiative »Aufpassen«: Es ist ja Wahlkampf und da werden die Politiker, die sich dann dort aufstellen lassen oder lassen haben und dann kandidieren wollen, werden hier schon genau sagen müssen, wie sie sich das vorstellen. Also hier wird dann Tacheles gesprochen!

Vor allem zwei Fragen stellen sich die Anwohner beim Dorftreffen: Wer hat Schuld an dem Desaster? Was passiert mit dem Atommüll? Die Unsicherheit bleibt.

Die marode Asse bröckelt weiter. Im Bergwerk betreiben sie Schadensbegrenzung. Arbeiter mauern einsturzgefährdete Kammern zu, doppelwandig. So wollen die Betreiber das schlimmste verhindern. Doch wer trägt die Verantwortung? Etliche Behörden und Ministerien waren an der Asse beteiligt, am Ende waren es alle und keiner.

Frieder Meyer-Krahmer – Bundesforschungsministerium: Sie müssen sehen, die Verantwortung war geteilt auf mehrere Schultern: Einmal das Forschungsministerium, zuständig für die Forschungsförderung, dann als zweiten Akteur die Genehmigungsbehörden, die Bergämter von denen ich schon sprach, und dann schließlich als dritte Zuständigkeits- und Verantwortlichkeits-Akteur die Aufsichtsbehörden.

Es ist irgendwie verwirrend. Aufsichtsbehörde der Asse war anfangs das Niedersächsische Sozialministerium. Ab 1986 das neugegründete Umweltministerium. Es war von diesen Zeitpunkt an zuständig für Strahlenschutz und atomrechtliche Fragen in der Asse. Die verantwortung schiebt Niedersachsen allerdings zurück an den Bund. Wir versuchen trotzdem Licht ins Dickicht zu bringen:

Stefan Birkner – Umweltministerium Niedersachsen: Die Asse ist während ihrer gesamten Betriebszeit und auch bis heute hin, also auch in der Zeit nach der eigentlichen Einlangerungszeit, immer ein Lager gewesen, ein Bergwerk gewesen, was unter der Verantwortung des Bundes war. In der Phase der Einlagerungszeit unter dem Landesforschungsministeriums.

Fehler gab es auf vielen Ebenen. Ob bei Niedersächsischen Behörden oder beim Bund. Dunkel bleibt die Aktenlage, zu lang liegt das Geschehene zurück. Heute zumindest ist die Verantwortung klar: Das Bundesamt für Strahlenschutz muss nun das Atom-Desaster in der Asse lösen. Aber viel Zeit bleibt nicht. Wie lange diese Stollen noch sicher sind weiß niemand. Ein Gutachten gibt dem Bergwerk noch Zeit bis 2020.

Wolfram König – Bundesamt für Strahlenschutz: Die Asse hätte nie Endlager für radioaktive Abfälle unter den Randbedingungen werden dürfen. Wir versuchen nun das Beste aus den grundsätzlich schlechten Möglichkeiten zu machen, indem wir verschiedene Optionen nebeneinander prüfen.

Mehrere Varianten liegen also auf dem Tisch: Das Bergwerk könnte mit Beton ausgefüllt werden, damit es nicht zusammenstürzt, der Müll würde darin eingeschlossen. Eine andere Möglichkeit ist, den Müll innerhalb der Schachtanlage umzulagern. Diskutiert wird auch, die Fässer wieder herrauszuholen. Mindestens 2,5 Milliarden Euro könnte dieses Vorhaben mindestens kosten.
Betreiber von Atomkraftwerken, wie zum Beispiel, die Energieunternehmen Baden-Württemberg, wollen sich daran finanziell nicht beteiligen. Man habe mit diesen Altlasten nichts mehr zu tun. Zitat: Die EnBW und ihre Vorgängerunternehmen haben ihrerseits alle ihre Verpflichtungen erfüllt. Ein rechtlcher Anspruch gegen die EnBW besteht nicht.

Die EnBW und ihre Vorgängerunternehmen haben ihrerseits alle ihre Verpflichtungen erfüllt.
Ein rechtlicher Anspruch gegen die EnBW besteht nicht.

Der Lobby-Verband der Kernkraftwerksbetreiber begründet diese Haltung mit einem anschaulichen Beispiel:

Wolfgang Hohlefelder – Deutsches Atomforum: Wissen Sie, das ist so als hätte Ihre Oma vor 20 Jahren Müll abgeliefert, dafür brav ihre Gebühren bezahlt und nun stellt sich heraus, dass die Müllabfuhr diesen Müll nicht richtig entsorgt hat und kommt heute und sagt Ich hätte gerne noch nachträglich für die zusätzlichen Kosten Geld.

Sylvi Kotting-Uhl – Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: Letztlich verursacht der Müll die Probleme. Und der Müll verursacht die Kosten, ganz egal was inzwischen damit passiert ist. Ob damit geforscht wurde oder ob des hier- und dorthin gekarrt wurde; ob des verlagert wurde. Es ist der strahlende Atommüll der aus den Atomkraftwerken kommt, der uns diese immensen Probleme und diese immensen Kosten heute verursacht.

Am Ende wird wohl der Steuerzahler die Zeche übernehmen. Erst für die Forschung, dann für die misslungene Einlagerung und jetzt für die Sanierung.

Sigmar Gabriel, SPD – Bundesumweltminister: Ich würde mir wünschen, die Sanierung der Asse könnte von denen bezahlt werden, die dafür verantwortlich sind, das dieses Chaos entstanden ist. Aber es ist rechtlich einfach unmöglich. Wir kommen nach 30 Jahren an dieses Thema nicht mehr ran. Wir können jetzt ein bisschen so tun, wie das manche Politiker tun, als wäre da was zu holen. Das ist nicht so. Es gibt eine moralische Verantwortung, finde ich. Ich meine, das ist billige Entsorgung gewesen.

Die Asse. Synonym für verantwortungslosen Umgang mit Atommüll in Deutschland. Prototyp sollte sie sein, für ein anderes Lager, in dem irgendwann sogar hoch-radioaktiver Abfall entsorgt werden könnte: Gorleben. Auch hier gibt es seit Jahren Proteste, auch hier bezweifeln Kritiker die Eignung des Salzstocks als Endlager. Und das Desaster in der Asse schaft nicht gerade Vertrauen in den Standort Gorleben.

Stefan Wenzel – Fraktionsvorsitzender B'90/Die Grünen Niedersachsen: Ich möchte wissen, wie es kommen konnte, das renommierte, wissenschaftliche Einrichtungen so versagt haben. Und ich möchte wissen, wie es zur Auswahl dieses Standortes, für die Asse, gekommen ist. Ich möchte dann eben auch wissen, ob man bei Gorleben eventuell ähnlich vorgegangen ist.

Ortstermin für die Abgeordneten des gerade eingerichteten Untersuchungsausschusses. Wenzel gehört dazu. Ein neues Bild vom Zustand der Asse wollen sich die Politiker machen. Schwierige Detektiv-Arbeit steht ihnen bevor. Weiter aufklären will auch Wolfram König. Und noch wichtiger: Er muss die verlorene Glaubwürdigkeit wiederherstellen, die andere durch fatale Fehler in der Asse verspielt haben.

Wolfram König – Bundesamt für Strahlenschutz: Asse ist eines der größten Umweltprobleme der Bundesrepublik. Asse ist aber auch ein Lehrbuch, ein Lexikon, in dem man nachschlagen kann, wie man Endlagerung nicht lösen kann. Sicherheitsnachweise können nicht durch Glaubensbekenntnisse ersetzt werden. Und das war hier der Fall und es wird in vielen anderen Fällen gerade wieder versucht.

Deutschland und sein Atommüll. Die Asse als Meilenstein einer unendlichen Geschichte voller ungelöster Probleme. Und etliche Tonnen strahlenden Abfalls warten bundesweit noch auf ihre Entsorgung.

[Abspann]

Ein Film von Oliver Deuker und Malin Ihlau

Kamera

Alexandee Alfes
Olaf Kube
Ulf Neumann

Schnitt

Manuel Rennert

Sprecher

Helmut Winkelmann

Produktion

Hartmut W. Thon

Redaktion

Martin Ordolff

© ZDF 2009